Eine sachliche Einordnung, die klar trennt zwischen (1) dem, was Anhängerinnen und Anhänger als positiv empfinden, und (2) der Analyse, was davon politisch real ist oder nur wahrgenommen wird. Das ist notwendig, um weder zu verharmlosen noch einseitig zu werten.
Viele Menschen empfinden die AfD als „deutlicher“ in ihrer Sprache. Sie formuliert Kritik ohne diplomatische Abschwächungen, was von Wählern als erfrischend oder „ehrlich“ empfunden wird.
In Regionen mit Strukturwandel oder geringer politischer Präsenz anderer Parteien vermittelt die AfD vielen Bürgern das Gefühl, „ihre Sorgen“ auszudrücken – selbst wenn diese Sorgen nicht fachlich gelöst werden.
Die AfD benennt Themen, die gesellschaftlich polarisiert sind (Migration, Bürokratie, Vertrauensverlust in Staat und Medien). Das bedeutet nicht, dass ihre Lösungen funktionieren – aber sie adressiert Felder, die viele Menschen als belastend empfinden.
Viele Wähler sehen die AfD als Möglichkeit, Unzufriedenheit mit den etablierten Parteien auszudrücken. Das wird von Unterstützern als „positiv“ empfunden, weil es ihnen ermöglicht, Frust zu artikulieren.
Als Partei außerhalb des traditionellen Spektrums wirkt sie für manche als „Alternative“ zu einem als eingefahren wahrgenommenen politischen Betrieb.
Dass auch unbequeme Parteien ins Parlament einziehen können, zeigt die Offenheit des Systems. Die AfD ist damit ein Beispiel dafür, dass Demokratie Vielfalt zulässt, auch wenn diese Vielfalt extrem ist.
Ihr Erfolg zwingt andere Parteien, bestimmte Themen ernster zu nehmen und eigene Kommunikation zu verbessern. Dies kann demokratische Prozesse beleben (z. B. mehr politische Bildung, mehr Debatten über gesellschaftliche Erwartungen).
Die Stärke der AfD zeigt, wo Menschen Vertrauen verloren haben – in Politik, Verwaltung, Institutionen. Dieser Hinweis ist politisch wertvoll, weil er Probleme sichtbar macht, die sonst ignoriert würden.
Der Vertrauensverlust vieler Bürger entsteht durch eine längere gesellschaftliche Entwicklung, die nicht auf eine einzelne Partei zurückgeht. Modernes Regieren ist komplexer geworden, politische Entscheidungen betreffen heute globale Lieferketten, digitale Plattformen, Energie, Inflation, Migration und internationale Abhängigkeiten. Diese Komplexität schafft Distanz: Entscheidungen fühlen sich weiter vom Alltag entfernt an, und viele Menschen erleben gleichzeitig eine überlastete Verwaltung, lange Abwicklungszeiten und mangelnde Digitalisierung. Aus alltäglicher Frustration wird Skepsis gegenüber politischen Institutionen.
Parallel zeigt sich ein Kommunikationsproblem: Politik vermittelt Entscheidungen häufig zu technisch, zu spät oder unverständlich. Entscheidungen wirken dadurch „durchgezogen“, obwohl der eigentliche Hintergrund einfach nie ausreichend erklärt wurde. Die soziale und wirtschaftliche Unsicherheit der letzten Jahre verstärkt diese Entwicklung zusätzlich: steigende Preise, Energiekosten, ungleiche Chancen und regionale Unterschiede erzeugen das Gefühl, dass Kontrolle verloren geht und die Politik den Bezug zur Lebenswirklichkeit und zum Tempo der Gesellschaft verloren hat.
Hinzu kommt die Erosion gemeinsamer Informationsräume. Durch digitale Medien entstehen Parallelwelten, Desinformation verbreitet sich schnell, und Menschen nehmen dieselben Ereignisse in völlig unterschiedlichen Interpretationen wahr. Wenn Wahrnehmungen auseinanderdriften, entsteht strukturell Misstrauen gegenüber staatlichen Institutionen, Medien und politischen Akteuren.
Die AfD greift reale Missstände auf. Sie benennt spürbare Frustrationen, Verwaltungsdefizite, regionale Ungleichgewichte und kommunikative Schwächen der etablierten Politik. Diese Problemdiagnosen enthalten viel Wahres, denn sie spiegeln gesellschaftliche Stimmungen und tatsächliche Defizite wider. Der Fehler liegt nicht in der Benennung, sondern in der Schlussfolgerung: Die AfD erklärt politische Fehlentwicklungen systematisch zum Beweis eines angeblich feindlichen oder illegitimen „Systems“. Sie deutet Verwaltung, Justiz, Medien und Wissenschaft als Teil eines einheitlichen Machtblocks, der gegen die Bevölkerung arbeite – eine Deutung, die weder empirisch belegt noch politisch tragfähig ist.
Damit entsteht ein Muster: Reale Probleme werden korrekt erkannt, aber falsch interpretiert. Der Missstand wird nicht als Ausdruck komplexer Strukturen, sondern als Absicht einer politisch-moralischen Elite dargestellt. Aus einer nachvollziehbaren Diagnose wird ein radikales politisches Narrativ. Die politischen Lösungen der AfD zielen nicht darauf ab, Prozesse effizienter, transparenter oder demokratischer zu machen, sondern darauf, Kontrollmechanismen zu schwächen, Medien zu reduzieren, internationale Verpflichtungen zurückzufahren und demokratische Institutionen umzubauen. Diese Lösungsmodelle beseitigen nicht die Ursachen des Vertrauensverlustes, sondern vertiefen ihn.
Die Stärke der AfD zeigt, dass Menschen Entfremdung und Kontrollverlust empfinden und dass etablierte Politik in bestimmten Bereichen zu spät, zu schwach oder zu unverständlich kommuniziert hat. Ihre Stärke ist damit ein Signal, das politische Defizite sichtbar macht, aber kein Beweis für die Richtigkeit ihrer politischen Programme. Demokratie kann diese Kritik integrieren, ohne den extremen politischen Schlussfolgerungen zu folgen.
Es gibt Punkte, die man nicht als „positiv“ framen kann, weil sie demokratische Grundprinzipien infrage stellen:
Diese Elemente können nicht „positiv“ umgedeutet werden.
Das „Positive“ an der AfD liegt weniger in ihrer politischen Arbeit, sondern in der Wahrnehmung ihrer Wählerinnen und Wähler. Diese empfinden:
Objektiv wirkt die AfD vor allem als Indikator für gesellschaftliche Spannungen, aber nicht als Problemlöser.
| Wahrnehmung vieler Wählerinnen und Wähler | Politische Realität / überprüfbare Fakten |
|---|---|
| „Die AfD sagt endlich die Wahrheit.“ | Die Partei nutzt bewusst vereinfachte, teils falsche Darstellungen. Viele Aussagen im Parlament wurden durch Faktenchecks widerlegt (Migration, Kriminalität, Sozialausgaben). |
| „Sie spricht Probleme an, die andere verschweigen.“ | Die Themen werden zwar benannt, aber programmatisch kaum gelöst. In Ausschüssen liefert die AfD häufig keine konkreten oder umsetzbaren Vorschläge. |
| „Endlich kümmert sich jemand um die kleinen Leute.“ | In vielen Landtagen stimmt die AfD gegen soziale Maßnahmen: Mindestlohn, Entlastungen, Pflegepakete, bessere Löhne für Angestellte im öffentlichen Dienst. |
| „Sie schützen die Demokratie vor ‚Altparteien‘.“ | Die AfD arbeitet systematisch an der Delegitimierung demokratischer Institutionen (Justiz, Medien, Verfassungsorgane) und unterminiert demokratische Spielregeln. |
| „Sie sind anti-korrupt und unabhängig.“ | Fälle interner Skandale, Verbindungen zu extremistischen Netzwerken, verdeckte Geldflüsse und interne Machtkämpfe widersprechen dem eigenen Anspruch. |
| „Sie bieten klare Lösungen.“ | Viele Lösungen sind nicht finanzierbar, verfassungswidrig oder widersprüchlich. Zahlreiche Anträge scheitern an mangelnder fachlicher Vorbereitung. |
| „Die AfD schützt deutsche Interessen.“ | Viele wirtschaftspolitische Ansätze der AfD würden deutschen Unternehmen und Regionen schaden (z. B. Protektionismus, Austrittsfantasien, Ablehnung von Fachkräften). |
| „Endlich sagt jemand, was wir denken.“ | Die AfD operiert häufig mit Stereotypen und Feindbildern. Das Gefühl der Repräsentation ersetzt keine politische Problemlösung. |
Diese Analyse zeigt zentrale Felder, in denen die AfD öffentlich etwas behauptet, aber parlamentarisch oder politisch das Gegenteil tut. Das Muster ist überall ähnlich: stark in Worten, schwach oder widersprüchlich in Taten.
Wort:
„Wir stehen an der Seite der kleinen Leute.“
Tat:
In mehreren Landtagen stimmte die AfD
– gegen Erhöhungen des Mindestlohns,
– gegen Entlastungen für Geringverdiener,
– gegen Maßnahmen zur Verbesserung der Pflegebedingungen,
– gegen Arbeitnehmerrechte.
Beispiel:
In Sachsen-Anhalt stimmte die AfD geschlossen gegen Anträge zur Entlastung von Haushalten mit niedrigen Einkommen, obwohl sie öffentlich „soziale Heimat“ verspricht.
Analyse:
Die soziale Rhetorik dient offenbar der mobilisierenden Wirkung, nicht der Umsetzung konkreter Politik.
Wort:
„Wir verteidigen die Demokratie.“
„Wir sind die Stimme des Volkes.“
Tat:
– Delegitimierung von Gerichten („politische Justiz“)
– pauschale Angriffe auf Medien („Lügenpresse“)
– Feindbildkonstruktion gegen politische Gegner
– Abwertung demokratischer Verfahren („Altparteienkartell“)
Beispiel:
In Plenarsitzungen greift die AfD regelmäßig das Bundesverfassungsgericht an – eine zentrale, politisch unabhängige Säule der Demokratie.
Analyse:
Ein demokratischer Staat kann nicht verteidigt werden, indem seine tragenden Institutionen pauschal diskreditiert werden.
Wort:
„Wir stehen für Sicherheit.“
„Wir unterstützen Polizei und Justiz.“
Tat:
– Widerstand gegen Reformen zur Stärkung der Justiz
– widersprüchliche Abstimmungen zu Polizeiausstattung
– Verharmlosung rechter Netzwerke
Beispiel:
In mehreren Landtagen enthielt sich die AfD bei Anträgen zur besseren Ausstattung von Polizeibehörden oder stimmte sogar dagegen,
wenn die Anträge von anderen Parteien stammten.
Analyse:
Der Sicherheitsanspruch wird selektiv genutzt, wenn er politisch verwertbar ist – nicht konsistent umgesetzt.
Wort:
„Wir schützen deutsche Arbeitsplätze.“
„Wir stärken die Region.“
Tat:
– Widerstand gegen Fachkräfteeinwanderung trotz Fachkräftemangel
– protektionistische Forderungen, die Exportindustrien gefährden
– wirtschaftsliberale Maßnahmen werden abgelehnt
– Investitionen werden blockiert, wenn andere Parteien sie einbringen
Beispiel:
In Thüringen stimmte die AfD gegen Initiativen zur Entlastung mittelständischer Betriebe in der Energiekrise – obwohl sie öffentlich „Mittelstandspartei“ ist.
Analyse:
Nationalistische Schlagworte ersetzen dort wirtschaftliche Konsequenz, wo komplexe Lösungen nötig wären.
Wort:
„Wir stehen für Leistung und Bildung.“
Tat:
– Angriffe auf Universitäten („ideologisiert“)
– Diffamierung wissenschaftlicher Erkenntnisse (v. a. Klima, Migration)
– Widerstand gegen Investitionen in Schulen, sofern sie von anderen Fraktionen kommen
Beispiel:
In mehreren Landtagen lehnte die AfD Programme zur Modernisierung von Schulen ab – trotz eigener Forderungen nach besserer Bildung.
Analyse:
Die Wissenschaft wird akzeptiert, wenn sie nützt; abgelehnt, wenn sie widerspricht.
Wort:
„Wir wollen klare Regeln.“
„Wir wollen Ordnung schaffen.“
Tat:
– Forderungen, die gegen Grundgesetz und EU-Recht verstoßen
– ablehnende Haltung gegenüber Integration, obwohl Integration zur Entlastung beitragen würde
– rhetorische Zuspitzung statt konstruktiver Lösungsansätze
Beispiel:
Die AfD fordert Massenabschiebungen, die praktisch und juristisch unmöglich sind, und liefert keine realistischen Alternativen.
Analyse:
Symbolische Politik ersetzt reale Integrations- und Migrationspolitik.
Wort:
„Wir arbeiten hart im Landtag.“
Tat:
– geringe Einbindung in Fachgespräche
– unvorbereitete Ausschussarbeit
– fehlende oder unzureichend recherchierte Anträge
– niedrige Erfolgsquote bei Beschlussvorlagen
Beispiel:
In Brandenburg nahm ein AfD-Abgeordneter an mehr als der Hälfte der Ausschussarbeit nicht teil – gleichzeitig kritisierte er öffentlich „Untätigkeit der Politik“.
Analyse:
Das parlamentarische Wirken dient weniger Problemlösung als Inszenierung.
Die AfD kommuniziert stark, aber arbeitet schwach. Sie nutzt Wortpolitik – klare Botschaften, einfache Erklärungen, starke Emotionen.
In der Tatpolitik fehlen:
In der politikwissenschaftlichen Analyse heißt das: „Performative Opposition“ statt Politikgestaltung.
A. Staatliche Quellen & offizielle Dokumente
B. Wissenschaftliche Dienste, Forschungsinstitute und Analysen
C. Journalistische und öffentlich-rechtliche Recherchen
D. Politikwissenschaftliche & soziologische Literatur
E. Wirtschaft & Arbeitsmarkt
F. Bildung & Wissenschaft
G. Polizei & innere Sicherheit